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11.10.19

Börsen-Zeitung: Pulverfass Persischer Golf / Kommentar zur Entwicklung

auf dem Ölmarkt von Dieter Kuckelkorn

Frankfurt (ots) - Die Region rund um den Persischen Golf,

unverzichtbar für die weltweite Energieversorgung, ist und bleibt ein

Pulverfass: In der Nacht zum Freitag wurde ein iranischer Öltanker im

Roten Meer vor der saudi-arabischen Küste mit zwei Raketen

angegriffen und in Brand gesetzt. Der Brent-Ölpreis reagierte prompt

mit einem Sprung nach oben.

Damit nimmt die Kriegsgefahr in der Region wieder zu - worauf der

Angriff offensichtlich auch abzielte. Zuletzt hatte sich in dieser

Hinsicht die Lage deutlich beruhigt. Zwar hatte die US-Administration

nach den jemenitischen Angriffen auf saudische Ölanlagen wieder

mehrfach mit einem Angriff auf den Iran gedroht. Die glaubhaften

Hinweise der iranischen Regierung, man werde sich in diesem Fall mit

militärischen Mitteln effektiv wehren, sorgten dann jedoch für eine

Beruhigung der Gemüter. Vom saudisch-arabischen Kronprinzen Mohammed

bin Salman war sogar in einem Fernsehinterview die für ihn höchst

ungewöhnliche Äußerung zu vernehmen, man müsse im Konflikt mit dem

Iran eine friedliche Lösung anstreben.

In der Folge fiel der Brent-Ölpreis wieder deutlich zurück. Dazu

trug bei, dass die globalen Konjunkturdaten und Frühindikatoren klar

darauf hinweisen, dass sich zumindest die verarbeitende Industrie in

allen wichtigen Weltregionen bereits in der Rezession befindet. Der

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US-Handelskrieg gegen China, dessen friedliche Beilegung trotz der

wieder laufenden bilateralen Gespräche in weiter Ferne liegt, hat das

Potenzial, die konjunkturelle Lage erheblich zu verschärfen - zumal

man nicht unbedingt das Gefühl hat, dass die führenden Akteure in

Washington genügend ökonomischen Sachverstand besitzen, um zu

überblicken, welche Schäden auch der US-Wirtschaft im Fall einer

weiteren Eskalation drohen.

Käme es beim Ölpreis nur auf das Spiel von sich weiter

abschwächender Nachfrage und einem zumindest außerhalb der Opec

steigenden Angebot an, so müsste der Ölpreis weiter sinken. Wir

erinnern uns an Brent-Preisniveaus von zeitweise unter 30 Dollar

Anfang 2016, zu welchen allerdings auch die damalige Uneinigkeit und

Untätigkeit der Opec beitrug.

Zu einem solchen Preisrückgang wird es aber aktuell unter anderem

wegen der Markteingriffe der Opec und ihrer Verbündeten nicht kommen.

Insbesondere Saudi-Arabien ist wegen des immer noch geplanten

Aramco-Börsengangs auf einen relativ hohen Ölpreis angewiesen. Dieser

Börsengang der staatlichen Ölgesellschaft ist auch einer der Gründe,

die gegen eine Täterschaft der Saudis beim Terroranschlag auf den

iranischen Tanker sprechen. Die saudische Führung ist - die

jemenitischen Angriffe auf die Ölanlagen haben ihr das noch einmal

verdeutlicht - auf ein ruhiges Umfeld für das IPO angewiesen.

Damit stellt sich die Frage, wer hinter dem Anschlag steckt und ob

dieser geeignet ist, die Lage im Golf und damit auch den Ölpreis

explodieren zu lassen. Es spricht einiges für die vom Iran

verbreitete Vermutung, dass die israelische Regierung hinter der

Attacke stehen könnte. Der israelische Premierminister Benjamin

Netanjahu fürchtet einen schwindenden Einfluss seines Landes im Nahen

Osten durch den Aufstieg des Iran zur wichtigsten regionalen Macht.

Er drängt den Verbündeten USA daher schon lange zu einem Angriff auf

den Iran nach dem Muster des Kriegs gegen Saddam Hussein. Würde sich

die iranische Regierung zu einer militärischen Reaktion auf die

jüngste Provokation hinreißen lassen, hätte er vielleicht sein Ziel

erreicht. Danach sieht es allerdings derzeit nicht aus. Es bemühen

sich aktuell alle Beteiligten in der Region, die Lage unter Kontrolle

zu halten.

Es gibt nur eine Situation, die zu einer weitreichenden

Konfrontation führen würde: Sollte der Iran wegen der Sanktionen und

sonstiger Maßnahmen keinerlei Öl mehr exportieren können, wird er

auch andere Ölproduzenten daran hindern, ihr Öl durch die Straße von

Hormus zu verschiffen. Dazu wird es aber wohl nicht kommen - wegen

der großen Erfahrungen der Iraner in der Umgehung westlicher

Sanktionen und aufgrund der tatkräftigen Unterstützung Russlands und

Chinas, für die der Iran ein zentraler Knotenpunkt auf der Neuen

Seidenstraße ist. Und Israel verfügt allein nicht ansatzweise über

die militärischen Mittel, eine Blockade des Iran durchzusetzen.

Sollte sich an dieser geopolitischen Gemengelage nichts ändern -

mögliche Ansatzpunkte hierfür wären ein US-Präsident, der häufig

seine Meinung ändert, oder auch ein Machtwechsel in Washington -, ist

ein starker Anstieg des Ölpreises derzeit nicht zu erwarten.

(Börsen-Zeitung, 12.10.2019)

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