Gedenken zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl
6:56
KIEW (dpa-AFX) - In der Ukraine, Belarus und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken wird heute der Katastrophe im damals sowjetischen Atomkraftwerk Tschernobyl vor 40 Jahren gedacht. Gemeinsame Gedenkveranstaltungen sind seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine vom 24. Februar 2022, der auch aus Belarus erfolgte, nicht mehr möglich. Doch auch im stark betroffenen Belarus wird das Gedenken von politischer Repression überschattet. Viele Umweltaktivisten mussten aus dem autoritär regierten Land fliehen und können ihre Aktivität nur aus dem Exil fortsetzen.
Selenskyj zu Gedenken beim stillgelegten Kraftwerk erwartet
In der Ukraine wird auf dem Kraftwerksgelände nördlich der Hauptstadt Kiew ein Gedenken der Staatsführung mit Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet. Aufgrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine und der nahen Grenze zu Russlands Verbündetem Belarus gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen. Zudem wird in Kiew und anderen Orten mit Schweigeminuten, Ausstellungen, Konzerten, Filmvorführungen und dem Niederlegen von Blumen an die tragischen Ereignisse erinnert.
Gedenkveranstaltungen wird es ebenfalls im sehr stark betroffenen Nachbarland Belarus, in Russland und in anderen Ex-Sowjetrepubliken geben. Hunderttausende sogenannte Liquidatoren aus allen Sowjetrepubliken halfen damals bei der Beseitigung der Folgen in dem radioaktiv verstrahlten Gebiet. In Deutschland organisieren Atomkraftgegner und Umweltorganisationen Gedenken, Mahnwachen und Fahrradkorsos in Erinnerung an die Katastrophe.
Größter anzunehmender Unfall in sowjetischem Atomkraftwerk
Am 26. April 1986 geriet in der damaligen Sowjetrepublik Ukraine ein Test im AKW Tschernobyl außer Kontrolle. Im Reaktor vier trat der Super-Gau ein, der größte anzunehmende Unfall. Radioaktive Wolken breiteten sich bis nach Nord- und Westeuropa aus. Doch trafen sie neben der Nordukraine vor allem das benachbarte Belarus und auch den Westen Russlands.
Monatelang sonderte die offene Atomruine Strahlung in die Umgebung ab. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus. Über 100.000 Menschen wurden aus den radioaktiv belasteten Gebieten der 30-Kilometer-Sperrzone um das inzwischen stillgelegte Kraftwerk zwangsumgesiedelt.
Der russische Einmarsch vom 24. Februar 2022 erstreckte sich auf das Sperrgebiet. Der über mehrere Jahre bis 2016 mit internationaler Milliardenhilfe über einem Betonsarkophag für die Atomruine errichtete Stahlbogen wurde im Februar 2025 durch eine russische Drohne beschädigt. Die Abschirmfunktion ist laut Experten nun nicht mehr gewährleistet. Die Reparaturkosten werden nach Angaben der Kraftwerksleitung auf rund 500 Millionen Euro geschätzt.
Im knapp 100 Kilometer entfernten Kiew leben der Stadtverwaltung zufolge derzeit noch über 62.000 Betroffene der Katastrophe, darunter über 30.000 sogenannte Liquidatoren. Bürgermeister Vitali Klitschko traf sich im Rathaus mit Liquidatoren und zeichnete sie aus.
Belarus besonders stark betroffen - Gedenken im Exil
Am stärksten betroffen war das benachbarte Belarus (früher Weißrussland) von der Reaktorkatastrophe. Dort fielen bis zu 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Gut ein Fünftel des Gebiets von Belarus war laut Experten verseucht, besonders aber die Region Gomel im Süden des Landes. Große Flächen waren mit Cäsium-137 kontaminiert. Auch Aktivisten aus Belarus, von denen viele unter Machthaber Alexander Lukaschenko ins Ausland geflüchtet sind, erinnern mit Veranstaltungen unter anderem im Baltikum und online an den Jahrestag.
Die belarussische Aktivistin und Mitbegründerin der Umweltorganisation Ecodom, Irina Suchi, beklagt, dass die Regierung in Minsk auch zum Jahrestag so tue, als sei heute alles in Ordnung. "Aber es gibt keine ausreichenden Kontrollen", sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur im Exil. Es müssten etwa die mögliche Belastung der Böden oder auch der Agrarprodukte geprüft und gemessen werden.
Unter der autoritären Führung des Landes seien etwa 100 Umweltschutzorganisationen geschlossen oder ins Exil gedrängt worden, sagt Suchi. Trotzdem werde versucht, die Menschen über die womöglich noch lauernden Gefahren in Agrarböden aufzuklären und auf Risiken hinzuweisen. "In den ganzen 40 Jahren haben sie der Bevölkerung nicht beigebracht, wie sie sich verhalten soll, wenn sie auf verseuchtem Gebiet lebt", sagte die Aktivistin mit Blick auf die Regierung in Minsk./ast/DP/zb